Tochter dazwischen

Inge Kleinschmidt

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Klappentext

 

 

Die 48jährige geschiedene Catrin wünscht sich nur eines: Eine Beziehung zu einem Mann. Zufällig trifft sie einen alten Bekannten und ist überrascht, als er sich telefonisch bei ihr meldet und mit ihr ausgehen möchte. In ihrer Vorstellung ist Detlev ein potentieller Kandidat für die ersehnte Zweierbeziehung. Catrin fiebert der Verabredung entgegen. Doch kurz bevor sie die Wohnung verlässt, klingelt das Telefon. Es ist Frau Maurer, die alte Nachbarin ihres Vaters. Von diesem Moment an muss Catrin sich anderen Bedingungen stellen und ist nun damit beschäftigt, wie sich eine neue Beziehung und das Ableben eines Elternteils vereinbaren lassen.

 

 

Leseprobe 1

 

Mit den Handrücken wischte Catrin die Tränen aus dem Gesicht, schloss den Reißverschluss der Jeans und es war, als hätte die autoerotische Unterbrechung ihres Alltags nicht stattgefunden.

Auf dem Weg ins Badezimmer hielt sie die Finger an die Nase und schnupperte den süßlichen Duft ihrer Scham, drehte entschlossen den Wasserhahn auf, wusch gründlich die Hände, beugte sich über das Waschbecken, schöpfte sich eiskaltes Wasser ins Gesicht und betrachtete sich anschließend im Spiegel, Wasser tropfte auf das blaue T-Shirt. „Du muss nicht weinen, eigentlich geht es dir gut und irgendwann bist auch du nicht mehr allein“, ermutigte sie laut ihr Spiegelbild, bevor sie sich mit einem zitronengelben Handtuch das Gesicht abtrocknete. Den feucht gewordenen Pony rubbelte sie mit den Fingerspitzen, hierbei fiel ihr das Handtuchhygieneprinzip ihrer Mutter ein: für das Gesicht ein kleines helles, für die Hände ein kleines dunkles, für den Körper ein großes helles und für die Haare ein altes dunkles Handtuch. Obwohl Catrin diesen Grundsatz spießig fand, hatte sie ihn derart verinnerlicht, dass sie ihn selbst mit neunundvierzig Jahren nicht brach.

Kräftig schüttelte sie den Kopf und ihre halblangen braunen Haare fielen locker auf die Schultern. Ein Blick auf die Uhr, es war viertel vor sechs, sie musste sich beeilen. Im Nu hatte sie den karierten Blazer angezogen, griff die am Vorabend gepackte Englischmappe, fingerte nach ihrem Hausschlüssel, warf im Vorbeigehen einen kontrollierenden Blick in den Spiegel und machte sich hastig auf den Weg zur Volkshochschule. Die ausgetretenen Treppenstufen nahm sie sicher und vermied bei jeder Kurve den schwarz gestrichenen Handlauf zu berühren, der trotz wöchentlicher Reinigung ständig zu kleben schien. Es war schönes Frühlingswetter, die Luft mild und warm. Wenn auch in Eile genoss Catrin den kurzen Weg durch den naheliegenden Park. Die Grünflächen waren belebt, sie grüßte Nachbarn, die genau wie sie in einem der Zwanziger-Jahre-Häuser ohne Balkon wohnten und den Park als Gemeinschaftsgarten nutzten.

 

Zu spät erreichte sie den Unterrichtsraum in der Volkshochschule, der Kurs hatte bereits begonnen. Vorsichtig öffnete sie die Tür: „Excuse my delay, I had to work longer“, erfand sie als Ausrede, um Nachfragen der neugierigen Englischlehrerin entgegenzuwirken.

„Oh, it doesn’t matter“, antwortete Frau Hauer, eine zierliche zweiundfünfzigjährige gebürtige Engländerin mit kleinem grauen Bubikopf und stets wachsamen Augen, „we havn‘t started the lesson yet, I‘ve just reported about my afternoon.”

Und ich habe ein schlechtes Gewissen, ärgerte sich Catrin, dabei war es zu Beginn jeder Stunde das gleiche. Mrs. Hauer, eine Rechtsanwaltsgattin, unterrichtete vermutlich aus Lange-weile und stellte vor den Teilnehmern gern ihren deutschen Wortschatz in Form außergewöhnlicher Kochrezepte unter Beweis. In diesem Konversationskurs hatte sich das Lehrer-Schüler-Verhältnis umgekehrt, in erster Linie sprach die Lehrende und selten kamen Schüler zu Wort. Frau Hauer war nicht nur über alle Maße geltungssüchtig, ihr mangelte es auch an pädagogischen Fähigkeiten. Dennoch hatte Catrin an diesem Kurs festgehalten. Seit der Scheidung vor fünf Jahren war der wöchentliche Termin eine willkommene Abwechslung. Inzwischen kannte sie alle Teilnehmer recht gut, wobei ihre Sitznachbarin Marie zur vertrauten Freundin geworden war.

„Hei, Cathrin, wo kommst du so spät her?“, fragte Marie leise, sie nannte Catrin im Englischunterricht immer Cathrin mit deutlicher Betonung des th‘s.

„Please, Ladys, keep quiete, listen to me“, rief Frau Hauer streng dazwischen.

Marie verschränkte ihre dicken Arme vor der Brust, zog die Augenbrauen hoch und verdrehte ihre großen dunklen Augen, während Frau Hauer engagiert die asiatische Mais-Kohlrabi-Pfanne näher erklärte.

„Ich kann es nicht mehr hören, alle Welt quatscht vom Kochen, Essen und Weintrinken. Kein Mensch redet mehr über Kernkraftwerke oder gleiche Arbeit, gleichen Lohn, isst Currywurst mit Pommes frites und trinkt ein normales Bier. Nein, die meisten unter uns sind Gourmets“, flüsterte Marie mit aufgerissenen Augen, „sie lesen Gourmet-Zeitschriften, arrangieren Gourmet-Feste, besuchen Gourmet-Essen und haben wahrscheinlich auch noch Gourmet-Kacke in der Kloschüssel.“ Catrin hielt sich die Hand vor den Mund, sah Marie an und konnte lautes Loslachen kaum verhindern. Um sich abzulenken, sah sie in die Runde der weiteren Teilnehmer und stockte. Friedhelm, ein dürrer Endfünfziger, starrte sie an und ließ sie den Rest der Stunde nicht aus den Augen.

„Ich dachte nicht, es bis zum Ende auszuhalten“, meinte Catrin vergnügt nach dem Unterricht und gab Marie zu verstehen, dass sie den gegenwärtigen Kochwahn nicht treffender hätte ausdrücken können. Die beiden lachten, alberten, und als Marie sich mit ausschweifender Umarmung von Catrin verabschiedete, steuerte Friedhelm auf sie zu: „Du, Catrin, kann ich dich sprechen? Jetzt, allein, bitte!“ Sein Ton war entschieden, der Blick unsicher. Den Reißverschluss seines beigen Blousons hatte er bis oben zugezogen und er trug die Aktentasche am Griff.

 

Catrin zuckte mit den Achseln, rollte ihre Pupillen Richtung Friedhelm und signalisierte Marie vollkommene Ahnungslosigkeit. Dann sah sie Friedhelm an, der ungeduldig und kurzatmig mit der Tür ins Haus fiel: „Du, ah, ich möchte dich heute Abend zu einem Glas Wein einladen, hier gleich um die Ecke in dem Lokal.“

Dieser Satz schien ihn außerordentliche Anstrengung gekostet zu haben, Schweißperlen zeigten sich auf seiner geröteten, glänzenden Gesichtshaut. Dabei baute er unter inneren Zuckungen den hageren Körper in eine minimal nach vorn gebeugte Position vor Catrin erwartungsvoll auf.

Ich glaube, ich spinne, was ist denn mit dem los, empörte sie sich gedanklich. Nie und nimmer würde sie mit Friedhelm ausgehen, den sie in seiner äußeren Erscheinung und seinem kleinbürgerlichen Gehabe ausgesprochen unangenehm fand. Seit fünf Jahren legte er jede Woche zwei frisch angespitzte Bleistifte und ein Radiergummi vor sich auf den Tisch und wartete in kerzengerader Sitzhaltung auf den Beginn des Unterrichts. Höflich, jedoch unmissverständlich, lehnte sie ab und machte sich auf den Weg nach Hause.

Dieser blöde Erbsenzähler mit seinem fettigen Fassonschnitt, warum fragt er ausgerechnet mich? Sehe ich so alt und grau aus, dass er mich für leichte Beute hält, wunderte sich Catrin angewidert. Sie erinnerte sich an die Weihnachtsfeier, als Friedhelm nach zwei Gläsern Wein angetrunken mit feuchter Aussprache offenbarte, von seiner Mutter pausenlos angetrieben zu werden, endlich eine ordentliche Ehefrau nach Hause zu bringen.

In ihrer Wohnung verschwendete sie keinen Gedanken mehr an ihn, sie goss einen Passionsblumentee auf, klemmte sich das Fernsehprogramm unter den Arm und ging ins Wohnzimmer. Plötzlich klingelte das Telefon.

„Hi, hier ist Detlev.“

„Detlev? Ah, Detlev, hallo“, begrüßte sie ihn verdutzt. Vor drei Tagen erst, am Samstag, traf sie ihn nach Jahren zufällig auf dem Wochenmarkt, dabei hatte er auf humorvolle Art seine gegenwärtige Situation als frisch kinderlos geschiedener, zurückgekehrter Journalist in fester Anstellung in einem Satz zusammengefasst und gelacht. Die Telefonnummern hatten sie getauscht, falls man sich mal verabreden wolle.

„Und? Was machst du gerade?“

„Ich liege auf dem Sofa und lese Homer“, log Catrin, ohne zu wissen, warum sie ausgerechnet Homer sagte, eigentlich wollte sie etwas Witziges antworten.

„Ha, der gute alte Homer, den kann man immer lesen. Du, ich rufe an, weil wir beide vielleicht morgen einen Wein zusammen trinken könnten und dabei ein bisschen von früher plauschen, was meinst du?“

Wenngleich Catrin am liebsten sofort laut „ja“ gerufen hätte - wegen anderer Termine musste sie nicht überlegen, sie hatte keine - gab sie sich betont zögerlich, bevor sie der Verabredung am nächsten Abend gegen zwanzig Uhr in der Lounge des Café Art zustimmte. Doch als sie das Telefon ablegte, zitterten ihre Hände, klebte die Zunge im trocknen Mund und unter ihren Achseln fühlte sie nassen, kalten Schweiß. Sie glaubte es nicht, sie, Catrin, hatte eine Verabredung mit dem unnahbaren Detlev, dem schönen redegewandten Studenten, dem damals alle Frauen nachliefen. Vor achtundzwanzig Jahren nach dem Unfall in Tschernobyl hatten sie kurze Zeit in einer Kleingruppe der Uni-Anti-AKW-Organisation zusammengearbeitet, Hearings organisiert und Flugblätter verteilt. Als die Gruppe sich auflöste, sie ihr Lehramtsstudium beendete und Detlev in einen Magisterstudiengang wechselte, verlor sie ihn aus den Augen. Jetzt war er also Journalist.

Am Samstag hatte er gut ausgesehen, schlank, groß, sportlich, sehr beeindruckend. Aufgefallen war ihr seine Kleidung, sie glich der ihres geschiedenen Mannes Peter, der zum Ende der Ehe meist Jeans, Blazer, T-Shirt und hochwertige Schuhe namhafter Designer als Zeichen künstlerischer Avantgarde trug. Avantgarde, dass ich nicht lache, hatte sie ihn verhöhnt.

Allerdings vermutete sie in dem Journalisten Detlev einen wahren Avantgardisten vor sich zu haben, der ohne Frage kritisch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen umging, Utopien noch nicht abgelegt hatte und auf eine bessere Wirklichkeit hinwirkte.

Ihrem Enthusiasmus folgten nüchterne Überlegungen, wie sie sich am morgigen Abend kleiden sollte, was sie Detlev aus ihrem Leben erzählen könnte, welche Bücher sie intensiv gelesen und welche erwähnenswerten Filme sie gesehen hatte. Es war nach Mitternacht, als Catrin aus ihrem einmal umgekrempelten Kleiderschrank eine Jeans, eine Bluse, den passenden Blazer und Pumps für den kommenden Abend wählte. Nach dem Zähneputzen griff sie zur Pinzette, brachte die Augenbrauen in Form und betrachtete ihre Falten. Heute fielen sie nicht übermäßig auf, jedoch für die erste Verabredung mit einem interessanten Mann konnte eine straffende Gesichtsmaske nicht schaden.

 

Leseprobe 2

 

 

 

Obwohl Catrin vor Aufregung spät eingeschlafen war, wachte sie früh auf. Sie sprang aus dem Bett und verrichtete ihre gewohnte Morgengymnastik, der sie heute viel Zeit einräumte, mochte der Grund in der bevorstehenden Verabredung liegen. Um ihren Körper schlank zu halten, bemühte sie sich neben Joggen um die Einhaltung der regelmäßigen morgendlichen kleinen Turnstunde. Außerdem ernährte sie sich einigermaßen gesundheitsbewusst, rauchte nicht, trank wenig Alkohol.

Auf dem Weg zur Arbeit fragte sich Catrin, was Detlev an ihr gereizt haben könnte. Wollte er nur alte Bekanntenkreise auffrischen? So ein Quatsch, nein, ich bin gemeint, war sie sich nach kurzem Abwägen sicher. Auf dem Wochenmarkt hatte er von Bekannten und Freunden hier in der Stadt gesprochen, von seiner vertrauten Umgebung. Hoffentlich hatte sie ihn nicht enttäuscht mit ihrer blöden Antwort, ich lese Homer, wer liest schon an einem Montagabend gegen einundzwanzig Uhr Homer? Ihr wurde heiß, sie schwitzte.

Vor dem großen Eisentor der Autovermietung warteten die ersten Kunden, die mit ihr zusammen ins Büro gingen. Die meisten Männer kannte Catrin, einige hatten es eilig, sie waren ungeduldig, andere scherzten, lachten und jeder einzelne versuchte sich mit launigen Bemerkungen in den Vordergrund zu schieben. Ohne Hast betätigte sie den zentralen Schalter, um Licht, Computer, Kasse, Telefone und was sonst noch alles am Netz hing in Betrieb zu setzen. Zum Schluss schob sie ihre Tasche unter den Schreibtisch und ging zu dem hohen Tresen, die Kunden mit Mietverträgen zu versorgen. Wenige Minuten später kam Klaus, ihr Chef, mit einem Kasten Autoschlüsseln und Autopapieren aus dem Nachtdepot und kümmerte sich um den praktischen Teil der anstehenden Vermietungen. Als alle Kunden versorgt waren, verschwand Catrin in die kleine Teeküche und kochte Kaffee.

„Hallo, hallo. Iss hier keiner?“, rief jemand laut.

„Ich komme sofort“, antwortete sie, stellte zwei Tassen griffbereit neben die Kaffeemaschine und überlegte, wem diese bekannte Stimme gehörte. Ein ehemaliger Sportler aus dem Bodybuilding-Studio, in dem sie bis vor sechs Jahren als Trainerin gearbeitet hatte, stand mit breiten Schultern und aufgeblasenem Brustkorb vor dem Tresen.

„Hi“, kaute er mit offenem Mund Kaufgummi, „habt ihr noch ‘nen Siebeneinhalbtonner für mich?“ Seine Augenlider zuckten nervös, er schien Catrin nicht zu erkennen. Solange sie am Computer in der Tagesdispositionsliste nach einem freien Kleinlastwagen suchte, hörte sie den gebräunten Muskelprotz geräuschvoll sein Kaugummi kauen. Ungern erinnerte sie sich an jene Zeit im Studio, wo sie Tag für Tag mit den glitschigen, muskulösen Gestalten zu tun hatte, die sich bewegten, als litten sie an einer Gelenkkrankheit, und die sich im Verlauf des Trainings voller Eigenliebe fortwährend im Spiegel betrachteten. Sie reichte ihm den Mietvertrag zur Unterschrift und verwies ihn an Klaus, der gerade vom Hof auf das Büro zusteuerte.

Catrin sah den beiden Männern nach und wunderte sich, dass Klaus mit seinen zweiundfünfzig Jahren von hinten neben dem jüngeren, breit gebauten Bodybuilder ausgesprochen jugendlich und dynamisch wirkte, obwohl er keinen Sport trieb. Die Arbeit mit den Autos hielt Klaus körperlich beweglich, doch im Gesicht sah er oft müde und abgespannt aus. Vor ungefähr zwanzig Jahren war er als privater Eigentümer aus einem Gründungskollektiv übriggeblieben und kümmerte sich seitdem mit großem Engagement um die Wirtschaftlichkeit der Autovermietung, die häufiger finanziell auf wackligen Füßen stand.

Catrins geschiedener Mann Peter war einen ähnlichen Weg wie Klaus gegangen. In den ersten Jahren ihrer Ehe arbeitete er in einem Architekturbüro mit vier jungen Architekten, das er aus persönlichen Gründen verließ und ein eigenes Büro gründete, was ausschließlich Erfolg und keine finanziellen Probleme kannte.

Catrin hatte sich zwar sehr über die Anerkennung ihres damaligen Mannes gefreut, allerdings blieb ihr seine Veränderung nicht verborgen. Binnen kurzer Zeit wurde er vom idealistischen Architekten zum geschäftigen, geltungssüchtigen und konsumgierigen Unternehmer mit einer Vorliebe für teure Autos und Urlaube.

Klaus dagegen dachte seit Jahren nicht mehr an Urlaub, er arbeitete nur. Auch er veränderte sich unter dem Druck der Bank und dem täglichen Umgang mit Einnahmen und Kosten von einem Idealisten zu einem gestressten, sorgenvollen Kleinunternehmer.

Catrin mochte Klaus, er war nicht launisch, die Beziehung war freundschaftlich und sie arbeitete gern in der Autovermietung.

„Super, dass die braun gebrannte Kante noch den Siebeneinhalber genommen hat“, kam er gut gelaunt zurück ins Büro und nahm sich einen Kaffee. „Was ist mit dir los? Habe ich deinen Geburtstag vergessen, du siehst so gut aus heute. Oder hat sich vielleicht etwas angebahnt, was ich nicht mitbekommen habe?“

Lachend wehrte Catrin ab und gab scherzhaft zu verstehen, dass das eine oder andere Techtelmechtel Früchte trug. Konkretes ließ sie sich nicht entlocken, da Klaus stets zu Spott neigte, was ihre Liebhaber-Kandidaten anging. Während des ganzen Tages fieberte sie dem Abend entgegen, sie war unkonzentriert und versank zwischendurch in eine Traumwelt mit dem Journalisten Detlev. Unmittelbar nach Büroschluss kaufte Catrin die Antifalten-Gesichtsmaske und zusätzlich eine kostspielige interessant duftende Bodylotion, möglicherweise lud Detlev sie nach dem Treffen in seine Wohnung ein oder sie gingen zu ihr. Wie sich der Abend auch entwickeln würde, auf jeden Fall wollte Catrin für eine körperliche Annäherung gewappnet sein, was sie gestern bei der Wahl der dunkelroten Unterwäsche bereits berücksichtigt hatte.

Es war noch nicht neunzehn Uhr, als sie nach übergründlicher Körperpflege das Ergebnis der vielversprechenden Aloe-Honigmaske und ihre mit schwarzer Wimperntusche geschminkten blauen Augen begutachtete. Gern hätte sie sich einen verführerischen Lidstrich gezogen, allerdings ließen ihre Schlupflider nur Kajal zu. Zum leichten Makeup legte sie unterhalb der Wangenknochen Rouge auf, um ihr kantiges Gesicht schärfer zu zeichnen. Als letzten Handgriff schminkte sie ihren sinnlich vollen Mund in dezentem Rot. Vor dem großen Spiegel im Flur sollte gerade die Endkontrolle stattfinden, als das Telefon klingelte. Schwungvoll nahm Catrin den Hörer in die Hand:

„Hallo.“

„Guten Tag, hier ist Maurer. Bin ich richtig verbunden mit Catrin Lehmann?“, fragte eine ältere Frauenstimme unsicher.

„Ja, ich bin Catrin Lehmann, Lehmann-Trost. Warum?“

„Hier ist Maurer, die Nachbarin Ihres Vaters.“

„Frau Maurer“, stutzte Catrin, sie kannte die ältere asthmakranke Dame, „entschuldigen Sie bitte, ich hatte Ihren Namen nicht verstanden. Guten Abend, Frau Maurer.“

„Frau Lehmann, bin ich froh, dass ich Sie erreiche. Frau Lehmann, Ihr Vater ist ins Krankenhaus gekommen.“

„Ins Krankenhaus? Wann?“

„Heute Nachmittag. Es ging ihm nicht gut, als ich bei ihm war. Ich habe einen Arzt für ihn gerufen, der ihn sofort mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus bringen ließ.